Coronahilfe Neuss - Unser Corona Tagebuch
März 22, 2020

Coronahilfe Neuss Tagebuch – Tag 8

Eine Woche schon…

Am gestrigen Tag 8 sah ich morgens eine Warnung in der Gruppe. Jemand hatte den Post einer Frau als bedenklich gemeldet, in dem sie für eine Freundin um Hilfe bat.
Ich habe in den Post geschaut und innerhalb der Kommentare waren viele Fragen und Spekulationen zu finden. In erster Linie ging es um die Frage warum diese Freundin denn keine Lebensmittel mehr kaufen könne, wenn doch die Läden noch welche hätten.

Ich möchte Euch nun erzählen, wie es weiterging.

Die junge Frau schrieb mir eine Mail, in der sie erklärte warum sie so verzweifelt ist. Sie lebt von ALG2 und bezieht regelmäßig Unterstützung durch die Tafel (die geschlossen hat). Sie ist alleinerziehend mit einem Kleinkind ohne Fahrrad, ohne Auto. Sie hat die Situation unterschätzt. Vergangene Woche hat sie eingekauft und da es bereits Engpässe bei den preiswerten Lebensmitteln gab, hat sie die etwas teureren genommen in der Hoffnung, dass sich die Situation auflöst. Das tut sie aber nicht – es wird noch schlimmer. Sie hat keine nennenswerten Vorräte und keinen Notgroschen.

Ich rufe sie an. Wir telefonieren und ich bin von ihrer Aufrichtigkeit überzeugt. Ich lebe hier in meinem „Palast“ (ein Zweifamilienhaus mit Garten halt) und habe von ihren Problemen zugegebener Maßen keine Ahnung. Wir haben nicht gehamstert, aber sind gut versorgt. Wir haben das Geld Nudeln für 1,29 € statt 0,59 € kaufen zu können, ohne, dass es uns doll wehtut. Wir können notfalls auch im Nachbarort schauen, ob wir bekommen, was wir brauchen. Und wir haben ein Netzwerk, das helfen würde, wenn wir Not hätten. Das alles hat sie nicht. Sie hat kaum noch Toilettenpapier und Windeln und auch Grundnahrungsmittel gehen zur Neige.

Svenja von Baby, Body and Soul findet eine Patenfamilie für diese junge Mutter. Gestern Abend bekommt sie eine Erstversorgung kontaktlos vor die Tür gestellt.

Ich schreibe ihr abends: „Ich hoffe, Deine Sorgen sind jetzt erst mal etwas kleiner geworden.“

Heute früh schreibt sie mir dies:

„Guten Morgen, ja dankeschön, das sind sie und ich hab sogar mal 4 Std. geschlafen!

Aber ich glaube mit am wertvollsten war unser Telefonat, um zu wissen das ich nicht allein bin und das es doch noch ein paar nette (gute) Menschen gibt.

Bei vielen Familien klingt es immer so einfach, wenn man erzählt man ist Alleinerziehend. Aber ganz ehrlich Alleinerziehend zu sein ist weder wirklich schön noch einfach.

DANKE fürs da sein, fürs zuhören und für das Gefühl nicht abgewertet zu werden, weil ich Hilfe brauche, sondern ernstgenommen!“

Jeder kann in Tagen wie diesen in eine Notlage geraten. Finanziell, emotional, existenziell, gesundheitlich,… – es gibt viele Facetten von Not.

Und dann brauchen wir ein Ohr, eine Hand und womöglich eine Rolle Klopapier 😉

Im Ernst! Bedürftigkeit wird in den nächsten Wochen nicht am Berechtigungsschein zu erkennen sein.

Wir müssen mit offenen Augen, offenen Ohren, weitem Herzen, gesundem Menschenverstand und Pragmatismus die Herausforderungen dieser Zeit angehen.

In diesem Sinne:
Beurteile nie einen Menschen, bevor du nicht mindestens einen halben Mond lang seine Mokassins getragen hast. (Indianer Weisheit)

Ja, das wird kein Einzelfall bleiben und es müssen größere Lösungen her. Für den Anfang funktioniert es so erst einmal. An den größeren Lösungen wird gearbeitet. Ich hoffe, sie kommen rechtzeitig genug!
Und nein, wir können die Welt gerade nicht retten. Aber wir können unserem Nächsten zuhören und mit unseren Mitteln versuchen das Beste aus der Situation zu machen.

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